Lebt wohl, Ihr genossen und Geliebten

Lebt wohl, Ihr genossen und Geliebten

PalmArtPress​
2018

2018 Deutscher Buchpreis Nominierung! –

Die Kindheit endet tatsächlich erst dort, wo die Geschichte unserer Eltern zur eigenen Geschichte wird und wir vor ihren wie vor den eigenen Abgründen die Augen nicht mehr verschließen können. Maria-Maria reist nach Rumänien, um ihren verunglückten Vater zu besuchen und ihn, trotz seiner besitzergreifenden Geliebten, zu betreuen. In seinen Augen hat sie, die Tochter, die reale Utopie der kommunistischen Gesellschaft verraten. Sie wiederum erkennt in ihm ausschließlich den festgefahrenen Parteirhetoriker, der sich als moralische Instanz aufspielte, anderen Opfer abverlangte, aber selbst ein bigottes Leben führte. 

Der neue Roman von Carmen-Francesca Banciu handelt vom Tod eines vermeintlichen Patrioten, für den Vaterland, Partei und der Aufbau einer neuen Gesellschaft stets den wichtigsten Platz in seinem Leben einnahmen und von der Liebe, die man sich von den Eltern erhofft, die einem versagt bleibt, und die man selbst zu geben vielleicht nicht imstande ist. Sie spürt der Frage nach, wie man Abschied von den Eltern nehmen, wie man mit ihren Lebenslügen umgehen kann, und welche persönliche Veränderung man dabei erfährt. 

Die versartige Sprache des Romans überträgt die Dramatik der zwischenmenschlichen Beziehungen direkt auf die Leser, die dadurch Teil des Erzählten werden. Banciu beobachtet das Sterben des Vaters, sie horcht und wartet. In der Wiederholung entfalten die Worte ihre Suggestivkraft. Banciu umkreist ihre Figuren, schöpft aus Erinnerungen wie aus einer geteilten Gegenwart. Ein Wort zieht das nächste nach sich. Man erlebt, wie sich Gedanken formen und wie sie wieder in sich zusammenstürzen. Ihr Abgesang auf die ideologische Überhöhung der Familie, der Partei und des Vaterlandes steckt voller Mut und Aktualität.

Presse & Leserstimmen

Was für ein Buch, welch bühnenreife Sprache! […] Der Roman verschränkt auf eindrucksvolle Weise den Abschied von einem Elternteil und einer gesellschaftlichen Vision.

- Hendrik Werner – Weser Kurier

Atemlos und packend erzählt die deutsch-rumänische Schriftstellerin von einer schwierigen Vater-Tochter-Beziehung […] Das Buch ist jenseits der dramatischen Handlung ein witziger Roman: psychologisch realistisch und sprachlich subtil.

- Stefana Sabin – NZZ

Carmen Francesca Banciu hat wiederum ein sehr bewegendes Buch vorgelegt, das zu fesseln vermag und gerade auch wegen der hohen Suggestivkraft ihrer lyrischen Sprache nur zu empfehlen ist.

- Anke Pfeifer – Literaturkritik

Carmen-Francesca Bancius neuestes Buch ist ein auf einen inneren Monolog entblößter Roman, dessen Handlung sich in dem Ich der Erzählerin abspielt: Es ist ein Kampf mit dem Monster Vater, der sich niemanden näher kommen lässt, der aber gleichzeitig auch kein Entrinnen erlaubt. Ein unendliches Requiem und trauriges Lied in dunklen Glockentönen – monumental. 

- György Dalos

Carmen Francesca-Banciu gelingt mit diesem Buch, dem Abschluss ihrer Trilogie, etwas ganz Wunderbares: Eine Geschichte von verratenen Hoffnungen, staatlicher Repression und familiären Lebenslügen auf eine solche Weise neu zu erzählen, dass danach sogar eine Art Hoffnung aufscheint. Nicht epische Schwere, sondern die ebenso ernsthafte wie elegante Leichtigkeit des freien Versmaßes schaffen hier einen Erinnerungsraum, in dem sich wieder atmen lässt.

- Marko Martin

Wie nimmt man Abschied vom eigenen Vater, der bis zum bitteren Ende allein seine stalinistische Partei, die Genossen und das Vaterland liebt, so dass keine Liebe für Maria-Maria übrig blieb? In einem eindringlichen Ostinato, dass keine Umkehr duldet, treibt Carmen-Francesca Banciu ihr Abschiednehmen vom Vater voran. Sie treibt ihn vor sich her. In immer veränderter Kontrapunktierung umkreist sie ihn, bis Rhythmus ihrer Sprache nicht mehr nur nach Abschied klingt, sondern endgültig einer ist.

- Rita Kuczynski

Carmen-Francesca Bancius Poem führt einen Totentanz vor: der Verrat stolpert im Kreis mit der Vater-Liebe, die in den Lumpen kommunistischer Utopie scharwenzelt. Die Krankheit des Vaters ist die Krankheit Vater: die Lemure, die der Tochter Leben/Stimme zu entziehen versucht; der Angstbeißer, der noch im letzten Schritt die Atemmühle Gewalt dreht. Seine Mühle mahlt die Sprache in Scherben, in schneidende Grütze Erinnerung. 

- Kerstin Hensel